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Kritik Akustik Gitarre Februar 2012
Kritik Akustik Gitarre Februar 2912 Seite 2

"... "Tango Affairs" mit dem Orient: Im Leipheimer Zehntstadel spielten die Musiker von Saxofourte erstmals live zusammen mit dem Tango-Gitarristen Luis Borda und dem Oud-Virtuosen Roman Bunka."

Udo Eberl

Perfekte Symbiose


Südwest Presse - 27. Februar 2012

Was ist der Unterschied zwischen Zamba und Samba und wie klingt Tango, wenn er mit orientalischer Melodik versetzt wird? Antworten gab es beim Treffen des Quartetts Saxofourte mit dem Argentinier Luis Borda, der immer wieder als Komponist für den Saxofon-Vierer tätig war. Live hatte man niemals zuvor zusammen gespielt. Eine Premiere also im Leipheimer Zehntstadel, der mit 200 Besuchern gefüllt war.

Los gings mit Saxofourte pur. Das aktuelle Album "Tango Affairs" widmet sich dem Tango in jeglicher Spielform. Und genau diese Stücke standen im Mittelpunkt der ersten Konzerthälfte. Der Klassiker "El Choclo" begeisterte genauso wie der "Quartetttango" aus Bordas Feder oder Astor Piazzollas großartige Suite "The Rough Dancer And The Cyclical Night". Die aktuelle Besetzung um den Ur-Fourtisten Thomas Sälzle am Sopransax hat zwar etwas an Entertainer-Qualitäten eingebüßt, das technische Niveau aber ist extrem hoch. Das zeigte sich auch im Zusammenspiel mit Luis Borda. Stark, wie Daniela Wahler am Bariton- Saxofon den Groove-Bass für Bordas Gitarrensoli gab und Tenorist Simon Hanrath und Alt-Saxer Christoph Heeg in die Rasanz von Piazzollas "Libertango" einstiegen. Dann durfte man Luis Borda mit Stücken des neuen Solo-Albums "Tangos Brujos" erleben - intensiv, von Virtuosität geprägt. Im Duett mit "Hippie- Freund" und Oud-Spieler Roman Bunka, einst Gitarrist der Weltmusik-Vorreiter "Embryo" und inzwischen selbst in Ägypten ein hoch geschätzter Großmeister an der zwölfsaitigen arabischen Laute, wurden Tango, Bossa und argentinischer Zamba mit orientalischen Ornamenten verschmolzen, als sei dies nie anders gewesen. Eine perfekte Symbiose.


Bunkas mitreißenden Milonga "For Luis" gabs als furioses Duett, dann mit Saxofourte im Großformat ebenso eindrucksvoll. In seiner Neuinterpretation von Piazzollas "Fragmentos Lo que vendrá" hängte sich Borda die E-Gitarre um und jazzte trocken über den Sax-Emotionen. Gemeinsam tauchte man in die frühe Melodiewelt Andalusiens ein - ein Gruß an den arabischen Frühling - und mit Bordas "Milonga de Alejandria" wurde ein komplexer Schlusspunkt gesetzt. Am Ende großer Jubel, zwei Zugaben und nicht nur bei den Zuhörern die Gewissheit: Dieses Musiker-Paket will man wieder erleben.

"... den feineren Arkana einer introvertierten Passion, jener Mischung aus Melancholie, Nachdenklichkeit und Esprit, die an dieser Musik immer wieder neu fasziniert."

Klaus Richter

Esprit der Melancholie


Der Argentinier Luis Borda stellt seine Tango-CD vor
Süddeutsche Zeitung München - 2. Dezember 2011

Wenn der lockige Latin Lover heftig eingrätscht, die willige Dame ihre Schenkel beugt und rasante Synkopen den Raum elektrisieren, kann es nur Tango sein. Tango ist definitiv in. Tanzkurse, bunte Ensembles und allerhand grelle Revuetruppen kultivieren ihn zwischen lasziver Verruchtheit und erotischer Gymnastik.

Dabei gibt es auch einen Eros, der in der Musik selbst liegt, quasi das Tango-Idiom pur. Der Argentinier Luis Borda, der in München lebt, hat sich ihm ganz verschrieben. Obwohl er, längst berühmt in Argentinien, auch oft mit Ensemble spielt oder mit seiner Schwester Lidia, der Sängerin, verlässt er sich am liebsten auf seine Gitarre allein. Dort lotet er als erfinderischer Komponist und virtuoser Solist alle Leidenschaften und Dunkelheiten dieser Musik bis in bizarres Melos und eine avantgardistische Harmonik aus. Jetzt hat er eine neue CD aufgenommen: 'Tangos Brujos' heißt sie. Natürlich kommen die großen Legenden des Metiers vor, von Astor Piazzolla über Anibal Troilo bis Carlos Gardel. Aber Borda arrangiert deren Musik neu, er komponiert sie um und führt sie weiter: Er reflektiert quasi musikalisch über sie, sinniert, schafft einen eigenen Klangkosmos, in dem immer wieder Melodien oder auch nur harmonische Wendungen auftauchen, die als Referenz-Stücke des Genres ein schlagartiges Erkennen auslösen. Dann verschwinden sie wieder in der Gitarren-Welt Bordas. Dazu kostet er auch alle Valeurs aus, ein impressionistisches Clair-obscure im 'El día que me quieras', die Riffs in 'Tarde' oder meditative Arabesken in 'El mono azul' und lockere Verspieltheiten in 'Flores'. Aber an der krassen Macho-Pose mit Bordellflair liegt ihm wenig. Viel mehr an den feineren Arkana einer introvertierten Passion, jener Mischung aus Melancholie, Nachdenklichkeit und Esprit, die an dieser Musik immer wieder neu fasziniert.


Klaus P. Richter
Am Freitag, 2. Dezember, um 20 Uhr stellte Luis Borda die CD 'Tangos Brujos' in einem Konzert mit anschließender Jam
Session im Bachbett, Holzstraße 28-30 vor.

 

"Der in München lebende Argentinier Luis Borda gilt als Erneuerer des Tango und einer der besten Interpreten. Am Donnerstag hat ein von ihm vertonter Film Kinopremiere."

Welt online

Der Tango-Botschafter aus der Nymphenburger Straße

Von Martina Kausch 17. Mai 2009


Der in München lebende Argentinier Luis Borda gilt als Erneuerer des Tango und einer der besten Interpreten. Am Donnerstag hat ein von ihm vertonter Film Kinopremiere Spricht er von seiner Musik, wird es still im Raum. Dann schaut der Mann mit den schwarzgrauen Locken und dem markanten Bart von der Gitarre hoch, auf der er zwischendurch im Gespräch wie unbewusst einige Akkorde gespielt hat, und sagt: "Tango - das ist Kultur für mich. Keine banale Sache."

Nein, Banalitäten passen nicht zu Luis Borda, 54, dem Musiker und Komponisten, dem bedeutenden Vertreter des Tango Nuevo, der seit 1996 seinen Hauptwohnsitz in Münchens Nymphenburger Straße hat. Ein Beweis für seine Ernsthaftigkeit und seine Kunst liefert der Film "El ultimo Aplauso", der am kommenden Donnerstag unter dem deutschen Titel "Der letzte Applaus" in den deutschen Kinos startet. Borda hat die Musik zum Film komponiert. Dass viele Mitteleuropäer mit dem Begriff Tango immer noch ausschließlich gestylt-elastische Tanzschritte rot gekleideter Damen und unnahbar dreinschauender Männer verbinden, ärgert Luis Borda. "Tango ist tiefe Musik mit ganz spezieller Harmonie und Phrasierungskunst", erklärt der Musiker, der sich als 16-Jähriger seine erste Gitarre wünschte und bereits mit 17 das erste Album aufnahm. Tango sei natürlich zuallererst Rhythmus und Melodie, aber er entstehe eben aus einem speziellen Lebensgefühl in einer Umgebung, in der es die Menschen nicht immer leicht hätten. In der viele Menschen in Argentinien dieses Lebensgefühl allerdings auch alltäglich und unmittelbar in Musik umsetzen.

Luis Borda ist natürlich gebürtiger Argentinier und nahm nicht nur Gitarrenunterricht, sondern sang und spielte die Bombo-Trommel. Klang gehörte zum Familienleben, er ist mit ihm aufgewachsen. Die Mutter und zwei Onkel singen und über Luis Bordas Schwester Lidia Borda haben die Rolling Stones einmal gesagt, sie sei die beste Tango-Sängerin der Gegenwart. Für Luis Borda stand in seiner Heimatstadt bald fest, dass er seine Beschäftigung mit Musik professionalisieren wollte. Er studierte in Buenos Aires Harmonielehre und Komposition bei angesehenen Lehrern, spielte bei Rodolfo Mederos, einem der wichtigsten argentinischen Musiker. Mit 27 Jahren gründete Borda seine erste eigene Band und ging, zunächst in kleiner Trio-Besetzung, in seinem Heimatland auf Tourneen.

Bereits zwei Jahre später gelang der Sprung nach Europa, jenem Kontinent, wo dem Tango noch immer etwas schwülstig Exotisches anhaftet. Borda trat in Deutschland, den Niederlanden und in Österreich auf. So erfolgreich, dass er schließlich in München hängen blieb, wo er heute noch lebt. Unaufhörlich entwickelte er dabei seinen ganz eigenen Stil, spielt aber ebenso konsequent mit den Größten des Fachs zusammen: León Gieco, Litto Nebbia und Juan Falú beispielsweise sind Kennern moderner lateinamerikanischer Musik ein Begriff. Bordas stete Weiterentwicklung seines Stils gelang - machte seine Musik bis heute unverwechselbar. "Dann kam Luis, brachte seine argentinische Schule und seinen individuellen Stil als Musiker und Komponist, und schon öffneten sich neue Klangwelten im Zusammenspiel", erinnert sich beispielsweise Roman Bunka, einer der deutschen Jazz- und Gitarrengrößen. Er bewundert auch Bordas "harmonische Raffinesse und Radikalität". "Unsere ersten arabisch gefärbten Tango-Melodien waren ein kleines Ereignis, und schon begannen wir zu komponieren." Einflüsse aus anderen musikalischen Kulturkreisen interessierten Borda nämlich bald.

Die CD "Orientación" etwa stellt eine Verbindung zwischen orientalischer Musik, Improvisation und dem Tango Argentino dar, die es vorher nicht gab. "Brücken bauen" ist ein Stichwort, das Luis Borda dabei gern zitiert und immer wieder durch Musik realisiert. Zwischen Rock und Jazz, Tango und verschiedenen afrikanischen Rhythmustraditionen bewegt sich Borda heute sicher. Mit einem breiten Hörerkreis, der aus verschiedensten Stil-Ecken kommt, hat er dabei kein Problem, wie er auch bayerische Volksmusik "wunderschön" findet: "Echte Populärmusik ist sehr wichtig, wenn sie mit Ehrlichkeit gespielt wird. Alles andere ist ein Problem der Medien." Aber immer müsse sie lebensnah sein: "Die Menschen müssen sich fragen können: Was hat das mit meinem Leben zu tun?" Ehrlichkeit ist auch ein besonderes Merkmal des Films "Der letzte Applaus". 2005 hatte Borda bereits bei dem Film "12 Tangos - Adios Buenos Aires" von Dokumentar-Autor Arne Birkenstock die Musik komponiert. Auch der neue Film ist in Zusammenarbeit mit Birkenstock entstanden. Thema ist die bewegende Geschichte einer vergessenen Gruppe gealterter Tangosänger aus Buenos Aires, die jahrelang in einer der berühmtesten Tangobars der Stadt aufgetreten sind, der "Bar El Chino".

Nachdem der Besitzer der Bar 2001 unter mysteriösen Umständen starb, wurde die Bar von seiner Witwe und ihrem neuen Partner übernommen. Nur ein paar Wochen später war dieser lebensfrohe Ort abgewirtschaftet und verödet. Der Film begleitet das Leben dieser vergessenen Tangosänger von 1999 bis heute. Er zeigt ihren Kampf, sich während der größten Wirtschaftskrise Argentiniens ihr tägliches Brot zu verdienen, und die Sehnsucht nach ihrem größten Traum: Noch einmal vor ihrem Publikum zu singen und ihren Applaus zu hören, vielleicht den letzten. Doch so erfolgreich Luis Borda als Komponist und Arrangeur ist, am liebsten sind ihm als echtes Bühnen-Urgestein die Liveauftritte. Tempo-Konservative sind nicht so Bordas Wahl, meint er - lieber holt er sich Gäste zu den Auftritten, mit denen er musikalisch eine gemeinsame Sache macht. Was aus Auftritten manchmal alles entsteht, kann überraschend sein: "Die Sprache der Musik muss man sich mit der Zeit entwickeln, das kommt nicht so einfach." Und was macht der Vollblut- Musiker, wenn er einmal nicht an Klänge und Rhythmen denkt? "Das ist schwierig. Am besten ist es für mich, wenn ich unter einem Baum liege und lese." Und Musik hören? "Da halte ich es mit Kurt Tucholsky: Der hat einmal gesagt: 'Ich lese wenig, und was ich lese, schreibe ich selber.' So ist es bei mir mit Musik", sagt Luis Borda. Auch eine Haltung.

Die Musik

Der berühmte argentinische Musikproduzent und Komponist Luis Borda schuf für den Film einen wunderschönen Soundtrack, zusammen mit dem Orquesta Típica Imperial und den Sängern der “Bar El Chino”. Der Soundtrack wurde in mehreren Studio-Sessions während der Dreharbeiten und bei einem gemeinsamen Konzert des Orchesters und der Tangosänger in Buenos Aires aufgenommen.
Der siebzehn Lieder umfassende Soundtrack besteht aus einigen der schönsten und bekanntesten tradionellen Tangos wie “Soledad” und “Volver”, und auch modernen Kompositionen der berühmten Tangokomponisten Astor Piazzolla und Eladia Blázquez, darunter “Verano Porteño” und “Mi Ciudad y Mi Gente”.

Der Soundtrack des Films ist bei Enja Records erschienen und im Handel erhältlich - www.jazzrecords.com/enja

"Die Gitarre beherrscht er virtuos, mit seinen Kompositionen gehört er seit Langem zu den Erneuerern des Tangos, in seiner argentinischen Heimat gilt er gar als Nachfolger Astor Piazollas."

Luis Borda Ensemble: Chicas de Otros Barrios

Die Gitarre beherrscht er virtuos. mit seinen Kompositionen gehört er seit Langem zu den Erneuerern des Tangos. in seiner argentinischen Heimat gilt er gar als Nachfolger Astor Piazollas: Seit nunmehr 25 Jahren widmet sich Luis Borda der Weiterentwicklung der argentinischen Nationalmusik. Nach der vorangegangenen. eher experimentellen Produktion " EI Alba" hat Borda sich auf dem aktuellen Album mit seinem ausgezeichneten Ensemble wieder ganz den Spielarten des Tango Nuevo verschrieben. Ob im rasanten Galopp ("lronia de Salon"), melancholischem Tonfall ("Tu Boca") oder jazzig angehaucht ( .. Fragmentos"): Borda schafft es wieder, seinem hohen Anspruch gerecht zu werden und ,.den Puls des Tangos" zu fühlen. Unterstützt werden er und sein Ensemble dabei von Bordas Schwester Lidia. die das Fachmagazin "Rolling Stone" ihrer engelgleichen Stimme wegen als "beste Tangosängerin der Gegenwart" feiert. (enja)

Wirtschaftswoche 12.01.2009

"Leise ekstatische Ausbrüche bestimmen das Konzert."

Hohenloher Zeitung (2006)

Ekstatische Ausbrüche

Von Ralf Snurawa

Drei klassische Instrumente präsentierten im Zehntkeller in Hohebach der Gitarrist Luis Borda, der Ud-Spieler Roman Bunka und der Cellist Jost Hecker. Letzterer ist als Mitglied des „Modern String Quartett“ aber schon dafür bekannt, dass er keine Klassik, sondern Jazz auf seinem Instrument interpretiert. Und Luis Borda ist auch eher für südamerikanische Rhythmen denn klassische Melodien bekannt.

Und die Ud? Klassische arabische oder türkische Musik dürfte kaum jemand erwartet haben, der sich in dieses Konzert begab. Alle interessierte aber die Frage, wie diese drei verschiedenen Musiker, diese drei verschiedenen Instrumente zusammengehen. Zunächst fand man in vorwiegend eigenen Stücken einen gemeinsamen Nenner. Einzige Ausnahmen waren traditionelle Milongas und Tangos wie „La Cumparsita“.

Das intensive Zusammenspiel erwies sich als besonders verbindendes Prinzip des Abends. Man konnte kaum einen Moment finden, der nicht durch Spannungsreichtum geprägt war. In der Melodieführung wechselten sich die drei Instrumentalisten in ihren Arrangements perfekt ab. Das Stück, in dem dies besonders gut gelang, war Roman Bunkas „For Luis Fast“: ernergiegeladen und doch lässig wurde zuerst auf einen Rhythmus eingespielt, der durchgehalten, durchbrochen und schließlich wieder aufgenommen wurde.

Leise ekstatische Ausbrüche bestimmten das Konzert ebenso, etwa zu Roman Bunkas „Longa for Buleria“. Jost Heckers „Mr. KC“ erwies sich als hamoniesüchtige Dame, die aber nicht vor gewollten Mißtönen zurückschreckte. Roman Bunka siedelte wie in Bordas „Ti Ausencia“ sein arabisches und doch so europäisches Instrument an diesem Abend zwischen Bandoneon und Mandoline an. Luis Borda suchte besonders die Feinheiten im Klang und unternahm percussionistische Ausflüge. Und keiner konnte so schön auf seinem Instrument singen wie Jost Hecker.

Stimmungsvoll und homogen im Zusammenspiel entstand so ein Sound irgendwo zwischen den Welten, zwischen Milonga und Tango, dem Jazz und arabischen Rhythmen. Drei klassische Instrumente eben und ein ganz anderer Sound – auch das kann Hohenloher Kultursommer sein.

"… es war aufregend intensiv, konzentriert aber leicht wirkend, weil virtuos dargebracht, neu und zugleich wärmend vertraut klingend."


Tango Danzas

Musik der Hände und der Seele

Das Luis Borda Ensemble schlägt Zuhörer mit Konzert und neuer CD in seinen Bann

von Antje Andrassy

Einen kleinen Vorgeschmack auf die Universalmusik, ohne technischen Schnickschnack, wie es im Programm des Konzerts am 19. September in München zu lesen stand, bekam, wer zu Beginn der selben Woche ein letztes Mal in der Max-Emanuel-Brauerei die älteste Milonga Münchens besuchte. Luis Borda, langjähriger Freund des Veranstalters Mundo Burgos, trat am Ende einer lebensvollen Tanznacht ruhig auf die Bühne und spielte mit seiner Gitarre drei wunderbar aufs Wesentliche reduzierte Tangos. Eine ähnliche Intensität in einem ähnlich vollen Saal – an der Abendkasse der Münchner Musikhochschule stand noch bis kurz vor VeranstaItungsbeginn eine riesig lange Schlange – erlebten dann die Zuhörer des Konzertes anlässlich der Präsentat'on der neuen CD des Luis Borda Ensembles, „Chicas de Otros Barrios“. Über fast zwei Stunden bannte der auch aus dem Film „12 Tangos - Adios Buenos Aires“ bekannte Musiker und Komponist Luis Borda gemeinsam mit seinem vierköpfigen Ensemble, seinen beiden Gastmusikerinnen sowie seiner Schwester, der Tangosängerin Lidia Borda, das Publikum mit einem Programm aus aufregend neu arrangierten Klassikern, alten sowie ganz neuen Eigenkompositionen und teils fast clownesk anmutenden, plaudrigen An- und Zwischenmoderationen_

Ob Borda, Piazzolla, Discepolo, Gardei oder Manzi - es war aufregend intensiv, konzentriert aber leicht wirkend, weil virtuos dargebracht, neu und zugleich wärmend vertraut klingend. Es war eines jener seltenen Konzerte, bei denen man selbst von außen erahnen kann, welche Freude es sein muss, wirklich miteinander Musik zu machen, etwas live entstehen zu lassen, was so nur ein einziges Mal zu hören sein wird. Nahezu greifbar wurde das bei „En esta tarde gris“, das Lidia Borda gleich zweimal und jeweils deutlich unterschiedlich sowie beide Male bewegend expressiv mit ihrer samtwarmen Stimme interpretierte. Diesen Tango von Contursi hat man so nie zuvor gehört. Und wird ihn ab sofort doch immer als die Ideal form des Stückes im Ohr behalten, mit der auch die extrem schöne Version auf der sehr gelungenen neuen CD nicht ganz mithalten kann. Ähnlich geht es einem mit dem neu komponierten, gesungenen „Loca en nubes“, das langsamer gespielt als auf „Chicas de Otros Barrios“, noch mehr Charme entwickelt. In jedem Stück stecken schöne Überraschungen, gibt es ungewöhnliche Soli wie von der Bratsche bei Nouveau Tango oder Luciana Beleaevas Live-Percussioneinlage auf dem Korpus ihrer Violine bei „Ironia de Salon“. Dieses von Luis Borda komponierte Auftaktstück der CD nimmt einen sofort mit, ist, wie fast alle Neukompositionen, auf „Chicas de Otros Barrios“ und dieses Konzertabends gleichermaßen raffiniert tanz- und hörbar und hat das Zeug, zu einem absoluten Milonga-Klassiker zu werden.

Beim Konzert ist es neben dem Hörgenuss auch eine Freude zu sehen, wie diese wirkliche Seelenmusik ,hergestellt' wird. Luis Borda sitzt als zentrale Schaltstelle gut gelaunt auf der Mitte der Bühne, stimmt sich mit seinen Musikern, vor allem mit der fantastischen Geigerin und der nicht minder begeisternden Inna Surzhenko am Flügel, per sehr vertraut wirkender Augensprache in Sekundenschnelle ab. Und alle Hände spielen in virtuoser Handarbeit einen im eigentlichen Wortsinn ursprünglichen Tango, der doch in jedem Moment ganz aktuell wirkt, auch weil er mit unglaublicher Lebenslust für diesen einen Moment interpretiert wird. Die Intensität des Spiels einer „Milonga de Alejandria“, die den klassischen Milongarhythmus mühelos in arabische Melodien und Jazzelemente überführt oder Lidia Bordas auf der Bühne gelebtes und nur von der Gitarre begleitetes „Su ojos se cerraron“ sind so groß, dass es spontanen Zwischenapplaus gibt - die Beteiligung der Hände des Publikums, auf das die Energie dieses Konzerts längst übergesprungen ist. Füße und Köpfe wippen im Takt, und wäre mehr Platz im Großen Saal in der Arcisstraße, es würden sicher auch nicht wenige das Konzert durchgetanzt haben.

In der Pause geht es bei Empanadas und Rotwein ähnlich lebhaft zu. Viele der sicher 500 Zuhörer kennen sich vom Tangotanzen oder gemeinsamen Musikmachen, Spanisch und Deutsch bilden sprudelnde Mischformen, alle sind begeistert. Dieses Gefühl hält an bis zur dritten Zugabe nach einem sowieso schon reich beschenkten Abend, nach dem man Luis Borda einfach nur gratulieren möchte zu seinen Kompositionen, der Auswahl seiner Musiker, seiner Begabung und zu Lidia Borda, der Schwester mit der seit langem wohl großartigsten neuen weiblichen Tango-Stimme Argentiniens.

Noch lange nachdem man durch eine ziemlich kalte Nacht mit der Musik des Abends nach Hause gelaufen ist, fühlt man sich gewärmt von diesem Musikerlebnis. Und ist froh, dass „Chicas de Otros Barrios“ zumindest einen großen Teil der am Abend gehörten Wunder sehr gut eingefangen hat. So gerüstet, kann der Winter kommen!

"Das Luis Borda-Ensemble präsentiert hervorragende Interpretationen, die das Lebensgefühl des Tangos auf die Bühne zaubern."

Münchner Merkur

Vom Feuer des Tangos verzehrt


Luis Borda und seine Musiker bescheren dem Kubiz-Publikum den gewünschten Gänsehautfaktor

VON MANFRED STANKA

Unterhaching – Oktober 2007

Über fehlendes Feuer seines Kubiz-Publikums konnte sich das Unterhachinger Kulturamt wirklich nicht beklagen. Besucherschlangen reihten sich vor der Theaterkasse auf, flehten, drohten, schüttelten die Fäuste, und wäre noch der entscheidende Funke hinzugekommen, der Kulturtempel wäre wie ein Präsidentenpalast irgendwo in Südamerika gestürmt worden. Vom Tango-Feuer verzehrt, sehnten sich die Unterhachinger mit jeder Faser ihrer Latino-Seele nach "Una Noche en Buenos Aires".

Eine dieser sündhaft schwülen Nächte, in denen der Tango ach so süße Lügen ins Ohr flüstert und die fiebernde Seele dem voreiligen Wintereinbruch entfliehen kann. Luis Borda, einer der wichtigsten Musiker in der gegenwärtigen Welt des Tangas, und sein Ensemble bescherten dem Publikum den Gänsehautfaktor, der mit dem Tango unzertrennbar einhergeht. Dieser Ritus aus Hingabe und Ablehnung, der so viel über Liebe und Tod weiß und davon in einer ritualisierten Bewegungssprache erzählt, brauchte lange Zeit, ehe er die Mauer der Bordelle in Buenos Aires verließ. Dann aber verschlangen sich die Körper der Paare in allen Tanzsälen rund um den Globus in intimer Verstrickung und getanzte Leidenschaft wurde gesellschaftsfähig. Das Louis Borda-Ensemble präsentiert hervorragende Interpretationen, die das Lebensgefühl des Tangos.auf die Bühne zaubern. Und ohne die kreolischen, europäischen Einflüsse zu unterschlagen, ist die Musik vor allem vom "Tango Nuevo" bestimmt.

Dabei sind viele Stücke von Astor Piazolla, der mit seiner Rückkehr nach Argentinien die schon goldene Ara des zeitgenössischen Tangos einleitete: Diese sind im herkömmlichen Sinne nicht tanzbar, sie fordern vielmehr zum konzentrierten Zuhören auf - Form und Satztechnik sind der Klassik entlehnt, und den Instrumenten werden subtile Klangeffekte entlockt. Der Tango-Großmeister wusste haargenau, welchen Eindruck er beim Zuhörer erwecken wollte, und der in München lebende Komponist und Gitarrist Luis Borda folgt ihm nach in der Komposition einer konzertanten Kammermusik – aber volI lateinischer Lust auf ein Leben in Bewegung.

Zwar sind einige der sieben Instrumentalisten nicht mit dem Wasser des Rio de la Plata getauft worden, aber sie beherrschen die Bandbreite und Ausdrucksmöglichkeit des "Tango NuevoU auf authentische, leidenschaftliche und auch auf tanzbare Weise. Denn nun stürmt das Tanzpaar Gisela Galeassi und Caspar Godoy herein. Er verkörpert den klassischen Macho mit dem sanften Blick, sie ist herausfordernd, voller Hingabe, der sie sich sofort wieder entzieht. Mit Endlos-Beinen umschlingt sie das Becken und den Rücken des Mannes - er ist unwidersprochen ihr Besitz: Im Zweivierteltakt verschmelzen die bei den Köpert trennen sich wieder, entschweben und fallen sich letztendlich in die Arme. Eine abgerundete Liebesgeschichte mit Happyend wurde da auf der Bühne erzählt. Eine Geschichte, die durchaus auch hätte tödlich enden können. Sandra Nahabian singt und lebt die aufwühlende Intimitat dieser Musik mit ihrer raukehlig reifen Stimme auf der Bühne aus. Luis Borda, dessen Fingerkuppen zu zaubern scheinen, begleitet.

Luis Borda "El Alba"

Kulturnews

Diese typisch argentinischen Tangos des Gitarristen und Komponisten Luis Borda haben durchaus ihren eigenen Klang. Bordas Sextett ist ähnlich wie das letzte von Piazzolla aufgebaut: zwei Bandoneons, Violine, Piano und Bass, dazu seine virtuose jazzige Gitarre und mehrere Studiogäste wie die Tangosängerin Lidia (Bordas Schwester), der deutsche Oud-Solist Roman Bunka und der Perkussionist LaPorta. Das Streichquintett Cuerdas Nuevas macht den Sound stellenweise zähflüssig, auch wenn es gelegentlich schön bissige, Piazzolla-typische Streicherrhythmen beisteuert. Interessanter sind aber die vielfältigen Instrumentalsoli und -dialoge. Eine erfreulich eigenständige Mischung moderner Tangos zwischen Salonorchester und Jazz, zwischen Gardel und Piazzolla. (jn)

Rheingau Musikfestival 2007

Schloßgemäuer schwingt im Tango-Rhythmus

In den letzten Jahren ist das Tango-Fieber in Deutschland ausgebrochen. Überall werden Tango-Kurse angeboten. Selbst die Kirchen stehen hier nicht zurück und bieten Kurse für den Tanz an, der einmal als Symbol der Unzucht galt. Immerhin wird noch nicht in der Krypta getanzt. Soviel Anstand muss dann doch sein. Die intellektuellere Variante des Tango ist der von Astor Piazzolla begründete Tango Nuevo, der Tango-Musik mit Jazz-Elementen verbindet. Das Rheingau-Musikfestival, seit Jahren ein Zentrum anspruchsvoller Musik hat seit einigen Jahren sein Angebot aus den Bereichen Klassik und Jazz um Tango Nuevo erweitert.

So kommt es, dass der in Deutschland sesshaft gewordene, argentinische Gitarrist Luis Borda nun schon zum dritten Mal beim Rheingau-Musik-Festival gastiert. „Ein Freund von mir hat seinen zweiten Oskar bekommen. Da habe ich ihm gesagt, ich sei aber schon dreimal beim Rheingau-Musik-Festival eingeladen worden.“ Dieses mal gastierte er auf Schloss Johannisberg im Fürst-von-Metternich-Saal. Luis Borda gilt heute als einer der renommiertesten Vertreter des Tango-Nuevo. So ist es folgerichtig, daß ihn Arne Birkenstock bat, für seinen in Buenos Aires gedrehten Film „12 Tangos“ die musikalische Leitung zu übernehmen.

Zumindest den Tango Nuevo können auch Musiker spielen, die keine argentinischen Wurzeln haben. So konnte Luis Borda sich für sein Quartett mit Musikern umgeben, die heute auch in Deutschland ihr Schaffenszentrum haben und nicht aus Argentinien stammen. Der vom Instrument her Wichtigste ist dabei der Leipziger Michael Dolak, früher einmal Mitglied im Leipziger Akkordeonorchester, der in Rotterdam von argentinischen Lehrern am Bandoneón ausgebildet wurde. Mit viel Gefühl interpretiert er die Arrangements Bordas, besonders lebhaft erlebt in Bordas Arrangement von Piazzollas Klassiker „Revirado“ für Gitarre und Bandoneón. Zum Tango gehören immer auch rassige Frauen. Eine davon ist die Ukrainerin Inna Surzhenko, die zur Begeisterung des Publikums ihre atemberaubende Figur in ein waffenscheinpflichtiges Kleid gehüllt hatte. In diesem Fall dient das äußere Erscheinungsbild aber keinesfalls dazu, fehlende musikalische Gaben zu kompensieren. Inna Surzhenko ist seit dem Alter von vier Jahren Musikerin, wurde an einer Schule für Hochbegabte in der Sowjetunion ausgebildet und studierte später am Richard-Strauß-Konservatorium in München. Ihre bereits aus dieser Zeit herrührende musikalische Liaison mit Luis Borda und seinem Quartett unterbrach sie für einige Jahre, um auf Kreuzfahrschiffen aufzutreten (unter anderem musikalische Leitung auf der AIDA Vita). Ihr virtuoses, leidenschaftliches Spiel unterstreicht die Arrangements Bordas. Für jeden Hobby-Pianisten begeisternd ist dabei ihre ausgefeilte Grifftechnik, die ihren dann raubvogelgleich ausspreizenden Händen eine beachtliche Spannbreite von mehr als einer Oktave ermöglicht. Publikumsliebling allerdings war die charismatische Violinistin Luciana Beleaeva. Die Tochter eines Komponisten und einer Pianistin begann im Alter von fünf Jahren ihre musikalische Ausbildung an der Rachmaninoff-Schule für Musik. In ihrer moldauischen Heimat ging sie aus mehreren Wettbewerben mit Auszeichnung hervor. Heute spielt sie im Orchester des Bayerischen Rundfunks und im Georgischen Kammerorchester. Seit acht Jahren gehört sie zudem zum Luis Borda Quartett. Beleaeva versenkt sich bei ihrem Spiel konzentriert in die Musik. Man meint, sie innere Einkehr nehmen zu sehen. Entsprechend ausdrucksstark und gefühlvoll ist ihr Spiel, das von tief innen heraus zu fließen scheint.

In der für den Film „12 Tangos“ von Borda für Violine solo komponierten Homenaje (Hommage), die sie auch auf Schloß Johannisberg spielte, gelingt es ihr besonders intensiv, Gefühl auf das Auditorium zu übertragen. Aber auch wenn die Violine in Arrangements eine untergeordnete Rolle spielt, ist die Musikerin mit jeder Faser ihres Körpers dabei, wippt im Takt mit geschlossenen Augen, benutzt das Gehäuse der Violine als Perkussion-Instrument und dergleichen. Nach ihren Einsätzen bezaubert sie das Publikum, indem sie die aufbrandenden Ovationen mit einem unnachahmlichen „Killer-Smile“ quittiert. Bordas Kompositionen stellen Variationen über Tango-Themen dar, die entweder für Gitarre solo (Tango Variationen I bis III) oder auch über Themen von Astor Piazolla (Libertango, Adiós Nonino, Nouveau Tango) arrangiert sind. Dabei entwickelt Borda den Tango Nuevo weiter, indem er ihn zu anderen Musikstilen hin ausweitet und Berührungen schafft, in den Milongas z.B. zum Flamenco oder zum Samba. In Nocturna Buenos Aires erwächst erst allmählich der Tango-Rhythmus aus zunächst nicht einzuordnenden Klangteppichen. „Loca en Nubes“ gar ist ein langsamer Walzer, der bei Beibehaltung des Walzerrhythmus in seiner Melodik und Thematik als Tango erkannt wird. Dieses durchaus anspruchsvolle musikalische Programm wurde vom Publikum mit stehenden Ovationen gedankt, so daß Luis Borda sicherlich auch noch ein viertes Mal zum Rheingau-Musik-Festival eingeladen werden wird